Ein Gespräch mit Tomasz Kowalski, Vorstandsvorsitzender der Deutsche Bank Polska S.A.
In Kürze wird der diesjährige Preisträger des Deutsch-Polnischen Wirtschaftspreises bekannt gegeben. Es ist bereits die sechste Ausgabe dieses renommierten Wettbewerbs für Unternehmen, die ihre Geschäftstätigkeit auf der Grundlage der deutsch-polnischen Zusammenarbeit ausbauen. Ausgezeichnet werden Unternehmen, die im vergangenen Jahr bedeutende Ergebnisse erzielt haben, sich durch Innovationskraft, eine mutige Geschäftsvision oder besonderes gesellschaftliches Engagement ausgezeichnet haben.
Zu diesem Anlass sprechen wir mit Tomasz Kowalski, dem Vorstandsvorsitzenden der Deutsche Bank Polska S.A.
Die Deutsche Bank Polska ist Goldpartner der diesjährigen Gala des Deutsch-Polnischen Wirtschaftspreises.
AHK Polska: Die letzten Jahrzehnte der deutsch-polnischen Wirtschaftskooperation sind eine echte Erfolgsgeschichte. Was zeichnet diese Zusammenarbeit derzeit aus und wie hat sie sich in den letzten Jahren verändert? Welche neuen Chancen eröffnet sie den Unternehmen auf beiden Seiten der Grenze? Was sind die wichtigsten Herausforderungen?
Tomasz Kowalski: Die deutsch-polnische wirtschaftliche Zusammenarbeit ist in eine neue Entwicklungsphase eingetreten. Viele Jahre lang beruhte sie vor allem auf einer starken industriellen Integration und dem Ausbau von Lieferketten, in denen polnische Unternehmen als Komponentenhersteller und Zulieferer für die deutsche Industrie eine wichtige Rolle spielten. Derzeit sprechen wir immer häufiger von einer Zusammenarbeit, die auf gemeinsamen Investitionen, Technologien und Innovationen sowie auf dem Aufbau wirtschaftlicher Widerstandsfähigkeit basiert.
Das Ausmaß der Beziehungen ist nach wie vor sehr groß. Seit über 20 Jahren ist Deutschland der größte Handelspartner Polens. Im Jahr 2025 beliefen sich die polnischen Exporte nach Deutschland auf 98,7 Mrd. Euro und die Importe aus Deutschland auf 70,9 Mrd. Euro. Polen verzeichnete somit einen Überschuss im Warenhandel mit Deutschland in Höhe von rund 27,8 Mrd. Euro.
Gleichzeitig verändert sich der Charakter dieser Beziehungen. Bereiche im Zusammenhang mit der Energiewende, der Digitalisierung, der Infrastruktur, neuen Technologien und der Sicherheit gewinnen zunehmend an Bedeutung. Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit wird dabei zu einer Voraussetzung für die erfolgreiche Umsetzung von Investitionen, da deren Umfang oft die Möglichkeiten einzelner Unternehmen oder sogar Staaten übersteigt.
Ein gutes Beispiel hierfür ist die Energiewende. Nach Angaben der AHK Polska eröffnet der polnische Nationale Energie- und Klimaplan umfangreiche Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit mit deutschen Unternehmen, unter anderem in den Bereichen Modernisierung der Energienetze, Elektrifizierung und Wärmeerzeugung. Schätzungen zufolge könnte Polen bis 2040 bis zu 450 Milliarden Euro für die Energiewende aufwenden.
Auch Infrastrukturinvestitionen könnten einen wichtigen Impuls für die weitere Entwicklung der deutsch-polnischen Zusammenarbeit geben. In Deutschland werden neue Instrumente eingeführt, die die Mobilisierung von privatem Kapital für Investitionen in Infrastruktur, Industrie und Energiewirtschaft fördern sollen. Deutsche Bank Research verweist unter anderem auf den Deutschlandfonds, der dank öffentlicher Mittel in Höhe von rund 30 Milliarden Euro Investitionen im Wert von etwa 130 Milliarden Euro ermöglichen soll.
Die Verbindung des deutschen Technologie-, Industrie- und Kapitalpotenzials mit der polnischen Produktionsbasis, den wachsenden technologischen Kompetenzen und dem Investitionspotenzial könnte eine der wichtigsten Quellen für neue Möglichkeiten sein.
Auch an Herausforderungen mangelt es nicht. Deutschland durchläuft einen tiefgreifenden Wandel seines Wirtschaftsmodells, während polnische Unternehmen mit steigenden Energiekosten, Wettbewerbsdruck und Veränderungen in den globalen Lieferketten konfrontiert sind. Daher wird die Zukunft der deutsch-polnischen Zusammenarbeit stärker auf Produktivität, Innovation und gemeinsamer Wertschöpfung beruhen als auf Kostenvorteilen.
AHK Polska: Gibt es Bereiche, in denen sich Deutschland und Polen besonders gut ergänzen? In welchen Bereichen hat Polen einen Vorteil, und in welchen liegen die Stärken Deutschlands?
T.K.: Meiner Meinung nach ergibt sich die größte Chance gerade aus der komplementären Natur beider Volkswirtschaften. Polen verfügt über eine starke industrielle Basis, einen wettbewerbsfähigen Produktionssektor, wachsende technologische Kompetenzen sowie einen großen Binnenmarkt. Deutschland wiederum verfügt über eine sehr starke technologische, industrielle, kapitalmäßige sowie Forschungs- und Entwicklungsbasis.
Diese Komplementarität spiegelt sich gut in der Struktur des gegenseitigen Handels wider. Im Jahr 2025 umfassten die polnischen Exporte nach Deutschland vor allem Maschinen und elektrische Geräte, mechanische Maschinen, Fahrzeuge und Fahrzeugteile, Möbel sowie Kunststofferzeugnisse.
Gleichzeitig gewinnen fortschrittliche Technologien zunehmend an Bedeutung: künstliche Intelligenz, Halbleiter, Automatisierung, digitale Infrastruktur, moderne Energietechnologien, Energiespeicherung sowie Lösungen zur Stärkung der technologischen und wirtschaftlichen Sicherheit.
Diese Entwicklung spiegelt sich auch in den Analysen von Deutsche Bank Research wider. Nach Einschätzung der Bank muss das deutsche Wachstumsmodell, das jahrelang stark auf Export und Industrie basierte, heute an geopolitische und technologische Veränderungen angepasst werden. Gleichzeitig können neue Infrastruktur- und Industrieinvestitionen zu einem wichtigen Wachstumsimpuls für ganz Europa werden.
Aus polnischer Sicht ist es zudem wichtig, schrittweise von der Rolle eines Zulieferers von Komponenten hin zu der eines Technologie- und Geschäftspartners überzugehen. Für deutsche Unternehmen kann Polen nicht nur ein attraktiver Standort für eine effiziente Produktion sein, sondern auch ein zunehmend wichtiges Zentrum für neue Investitionen, technologische Dienstleistungen sowie Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten.
Ein Beleg für diesen Trend ist das Ausmaß der deutschen Investitionen in Polen. Nach Angaben des Ministeriums für Entwicklung und Technologie belief sich der Wert des in Polen investierten deutschen Kapitals Ende 2024 auf 55,04 Mrd. Euro, was etwa 16,8 Prozent aller ausländischen Direktinvestitionen in Polen ausmachte.
AHK Polska: Aus Sicht der Deutsche Bank Polska, die seit Jahren die deutsch-polnischen Wirtschaftsbeziehungen aktiv fördert: Was waren die wichtigsten geschäftlichen Erfolge im vergangenen Jahr und was sind die wichtigsten Aufgaben für die nächste Zeit?
T.K.: Für die Deutsche Bank Polska ist es von entscheidender Bedeutung, Unternehmen während des gesamten Prozesses der Geschäftsentwicklung zu unterstützen: vom täglichen Liquiditätsmanagement und der Handelsfinanzierung über das Risikomanagement bis hin zur Finanzierung großer Investitionsprojekte.
Das Jahr 2025 war ein sehr gutes Jahr für die Deutsche Bank Gruppe. Der Gewinn vor Steuern belief sich auf 9,7 Mrd. Euro, 84 Prozent mehr als im Vorjahr, und die Erträge erreichten 32,1 Mrd. Euro. Polen bleibt einer der strategischen Märkte der Gruppe, insbesondere aufgrund der wachsenden Bedeutung der polnischen Wirtschaft und des Umfangs ihrer wirtschaftlichen Verflechtungen mit Deutschland.
In Polen haben wir uns vor allem auf den weiteren Ausbau des Firmenkundengeschäfts konzentriert, das Cash-Management, Handelsfinanzierung, Treuhanddienstleistungen sowie Aktivitäten auf den Finanzmärkten umfasst. Ein besonders wichtiger Bereich bleibt die Finanzierung großer Investitionsprojekte, die den Wandel und die Entwicklung der polnischen Wirtschaft unterstützen.
Ein Beispiel hierfür ist die Beteiligung der Deutschen Bank an einem Konsortium, das eine Finanzierung in Höhe von insgesamt über 6 Mrd. Euro für die Projekte „Bałtyk 2“ und „Bałtyk 3“ bereitstellt, die von Equinor und der Polenergia-Gruppe umgesetzt werden. Die Bank unterstützte zudem die PGE Polska Grupa Energetyczna als Mandated Lead Arranger bei der Finanzierung des Offshore-Windparks „Baltica 2“.
Eine unserer Prioritäten bleibt die weitere Unterstützung von Unternehmen bei der Transformation und internationalen Expansion. Unternehmen benötigen heute nicht nur Finanzierungen, sondern auch Marktkenntnisse, Unterstützung beim Währungsrisikomanagement, bei der Abwicklung grenzüberschreitender Zahlungen und bei der Finanzierung von Lieferketten. Das globale Netzwerk der Deutschen Bank ermöglicht es uns, lokale Marktkenntnisse mit internationaler Erfahrung zu verbinden.
In diesem Zusammenhang ist für uns die Zusammenarbeit mit der AHK Polska nach wie vor von besonderer Bedeutung. Im Jahr 2026 war die Deutsche Bank Polska unter anderem Partner der „German Lounge“ während des Europäischen Wirtschaftskongresses. Wir betrachten solche Initiativen nicht nur als Plattform für den Austausch von Erfahrungen und Meinungen, sondern vor allem als Raum für den Aufbau von Geschäftsbeziehungen und für gemeinsame Diskussionen darüber, wie die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Region gestärkt werden kann.
AHK Polska: Was möchten Sie Unternehmen mit auf den Weg geben, die eine Zusammenarbeit mit Partnern aus dem Nachbarland planen oder ihre Geschäftstätigkeit auf den benachbarten Markt ausweiten möchten und vielleicht eine Teilnahme an der nächsten Ausgabe des Wettbewerbs in Betracht ziehen?
T.K.: Vor allem würde ich Unternehmen dazu ermutigen, die deutsch-polnische Zusammenarbeit nicht ausschließlich unter dem Gesichtspunkt des Exports oder Imports zu betrachten. Die größten Chancen ergeben sich dort, wo Unternehmen aus beiden Ländern ihre Kompetenzen bündeln und gemeinsam ein neues Produkt, eine neue Dienstleistung, eine neue Technologie oder ein neues Geschäftsmodell entwickeln.
Man sollte auch bedenken, dass der Einstieg in einen anderen Markt einen langfristigen Ansatz erfordert. Wichtig sind sowohl der richtige Geschäftspartner als auch eine gute finanzielle Vorbereitung, die Absicherung gegen Währungsrisiken, die Kenntnis der lokalen Vorschriften sowie eine entsprechend konzipierte Lieferkette. Gerade in diesen Bereichen können Institutionen wie die AHK Polska und Banken eine wichtige, praktische Rolle spielen.
Besonders vielversprechend sind heute Projekte in den Bereichen Energiewende, Digitalisierung, Industrie, Infrastruktur, Sicherheit und neue Technologien. In diesen Bereichen kann die Zusammenarbeit zwischen Polen und Deutschland über das traditionelle Modell der Wirtschaftsbeziehungen hinausgehen und zu einem der Motoren der Wettbewerbsfähigkeit Europas werden.
Deshalb unterstützen wir den Deutsch-Polnischen Wirtschaftspreis mit großer Überzeugung. Die Deutsche Bank Polska ist Goldpartner der diesjährigen Gala. Der Preis wird bereits zum sechsten Mal verliehen und zeichnet Unternehmen aus, die in der deutsch-polnischen Zusammenarbeit bedeutende Erfolge erzielt, innovative Lösungen umgesetzt oder wichtige Entwicklungsimpulse gesetzt haben.
Dies ist eine sehr wertvolle Initiative, da sie in der Praxis zeigt, wie grenzüberschreitende Zusammenarbeit für alle Beteiligten einen Mehrwert schaffen kann. Ich möchte Unternehmen daher ermutigen, die Teilnahme am Wettbewerb nicht ausschließlich als Chance auf den Gewinn eines prestigeträchtigen Preises zu betrachten. Es ist auch eine Gelegenheit, Partnern, Kunden und potenziellen Investoren zu zeigen, dass die deutsch-polnische Zusammenarbeit eine Quelle für Innovation, Entwicklung und einen echten Wettbewerbsvorteil sein kann.