Gemeinsame Investitionen, technologische Entwicklung, Energiesicherheit und bessere Rahmenbedingungen für Unternehmen – das waren zentrale Themen des IV. Deutsch-Polnischen Wirtschaftsforums, das am 26. Oktober 2026 in Warschau stattfand. Mehr als 350 Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Institutionen diskutierten darüber, wie Polen und Deutschland die europäische Industrie stärken, neue Technologien voranbringen und die Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft erhöhen können. Die zentrale Botschaft: Eine engere Zusammenarbeit beider Länder ist entscheidend, um Europas Wettbewerbsfähigkeit und Sicherheit zu stärken.
Ein stärkeres Europa braucht eine wettbewerbsfähige Industrie
In der Plenardebatte diskutierten der polnische Minister für Finanzen und Wirtschaft, Andrzej Domański, und die deutsche Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, Katherina Reiche, über gemeinsame Herausforderungen: hohe Energiepreise, übermäßige Bürokratie und die Notwendigkeit, die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft zu verbessern.
Domański betonte, dass Europa aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre lernen müsse. Mit Blick auf die Energieversorgung und die Beziehungen zu Russland stellte er klar: „Unsere Haltung gegenüber einem ‚Business as usual‘ – etwa bei der Nutzung russischer Rohstoffe und insbesondere russischen Gases – ist eindeutig. Europa hat eine sehr schmerzhafte Lektion gelernt und muss daraus die richtigen Schlüsse ziehen.“
Zugleich unterstrich er die Bedeutung von Wirtschaftswachstum, dem Abbau unnötiger Bürokratie, wettbewerbsfähigen Energiemärkten und einem verantwortungsvollen Umgang mit Technologien. Polen und Deutschland könnten gemeinsam dazu beitragen, die Rahmenbedingungen für die europäische Industrie zu verbessern.
Katherina Reiche hob die Bedeutung der wirtschaftlichen Verflechtungen beider Länder hervor. Der bilaterale Warenhandel hat sich seit dem Jahr 2000 mehr als versiebenfacht und liegt inzwischen bei über 180 Milliarden Euro. Deutschland exportiert mittlerweile mehr nach Polen als nach China. Gleichzeitig investieren immer mehr polnische Unternehmen in Deutschland.
„Was zwischen unseren Ländern entstanden ist, zeigt, wie Europas Industrie tatsächlich funktioniert: durch Zusammenarbeit über Grenzen hinweg“, sagte Reiche. Das gemeinsame Ziel sei ein Europa, das die Stärken seiner Partner verbindet und Unternehmen bessere Bedingungen bietet, um zu investieren, neue Technologien zu entwickeln und gemeinsam auf den Weltmärkten erfolgreich zu sein.
Für Unternehmen bedeutet das vor allem: verlässliche und planbare Rahmenbedingungen, weniger unnötige Regulierung und einen leistungsfähigen europäischen Binnenmarkt. Ebenso wichtig sind eine sichere Energieversorgung und die Verringerung strategischer Abhängigkeiten.
Technologien und Industrie – gemeinsame Chancen
In den thematischen Sitzungen standen unter anderem europäische Schlüsseltechnologien, die Sicherheit kritischer Infrastrukturen und die industrielle Zusammenarbeit im Mittelpunkt. Die Diskussionen reichten von Halbleitern, künstlicher Intelligenz und Raumfahrttechnologien bis zur Widerstandsfähigkeit von Lieferketten.
Polen und Deutschland verfügen über komplementäre industrielle und technologische Kompetenzen. Eine engere Zusammenarbeit kann helfen, gemeinsame Projekte zu entwickeln, Produktionskapazitäten auszubauen und europäische Wertschöpfungsketten zu stärken. Auch kleine und mittlere Unternehmen spielen dabei eine wichtige Rolle.
Entscheidend ist, dass die Kooperation über die reine Produktion hinausgeht. Für Polen bieten sich Chancen, Forschung, Entwicklung, anspruchsvolle Technologien und die Kompetenzen lokaler Unternehmen weiter auszubauen. Die Wettbewerbsfähigkeit Europas wird zunehmend davon abhängen, wie gut es gelingt, Innovation, Automatisierung und qualifizierte Arbeit miteinander zu verbinden.
Sicherheit beginnt mit widerstandsfähiger Infrastruktur
Eine der Sitzungen widmete sich Investitionen in kritische Infrastruktur angesichts wachsender Bedrohungen. Häfen, Bahnverbindungen, IT-Systeme, Unterseekabel und Kommunikationsnetze sind für Wirtschaft und Gesellschaft unverzichtbar und zugleich unterschiedlichen Risiken ausgesetzt – von physischen Angriffen bis zu Cyberbedrohungen.
Nicht jede Störung lässt sich verhindern. Umso wichtiger sind die Fähigkeit, schnell zu reagieren, den Betrieb aufrechtzuerhalten und die Funktionsfähigkeit kritischer Systeme rasch wiederherzustellen. Neben technischen Schutzmaßnahmen spielen gut geschulte Mitarbeitende, klare Verfahren, regelmäßige Übungen und ein verlässlicher Informationsaustausch zwischen Unternehmen und Infrastrukturbetreibern eine zentrale Rolle.
Die deutsch-polnische Zusammenarbeit kann dazu beitragen, Erfahrungen auszutauschen, bewährte Verfahren weiterzuentwickeln und die gemeinsame Vorbereitung auf Krisensituationen zu verbessern.
Energiesicherheit und Infrastruktur gemeinsam gestalten
Eine separate Diskussionsrunde befasste sich mit erneuerbaren Energien, Infrastruktur und der Diversifizierung von Energiequellen als Voraussetzungen für die Energiesicherheit Europas.
Im Mittelpunkt standen unter anderem die Offshore-Windenergie, grenzüberschreitende Stromverbindungen, Energiespeicher und die Beschleunigung von Investitionsverfahren. Eine leistungsfähige Energieinfrastruktur ist nicht nur für die Stabilität der Versorgung entscheidend, sondern auch für die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie und das Gelingen der Energiewende.
Engere Verbindungen zwischen den Energiemärkten, eine größere Vielfalt an Energiequellen und der Ausbau der Infrastruktur können die Versorgungssicherheit erhöhen und neue Geschäftsmöglichkeiten schaffen. Polen und Deutschland haben die Chance, ihre Erfahrungen und Kompetenzen stärker zusammenzuführen und so die Entwicklung eines widerstandsfähigen europäischen Energiesystems voranzutreiben.
Wirtschaftliche Zusammenarbeit ist Teil der Sicherheit Europas
Auch die Unterstützung der Ukraine und die Folgen des russischen Angriffskriegs für die europäische Sicherheit waren wichtige Themen des Forums. Der Schutz und der Wiederaufbau kritischer Infrastruktur, insbesondere der Energie- und Wärmeversorgung, bleiben zentrale Aufgaben.
Die Erfahrungen des Krieges zeigen, dass wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit nicht allein von einer starken Industrie abhängt. Ebenso wichtig sind sichere Infrastrukturen, stabile Lieferketten und die Fähigkeit, auf Krisen schnell zu reagieren. Investitionen in Energie, Verkehr, Industrie und Technologie sind daher zugleich Investitionen in die Sicherheit Europas.
Auch die deutsch-polnische Zusammenarbeit kann dazu beitragen, strategische Abhängigkeiten zu verringern, industrielle Kompetenzen auszubauen und die europäische Wirtschaft langfristig widerstandsfähiger zu machen.
Vom Dialog zu gemeinsamen Projekten
Das IV. Deutsch-Polnische Wirtschaftsforum hat gezeigt, wie viele gemeinsame Interessen und konkrete Kooperationsmöglichkeiten Polen und Deutschland verbinden – von Industrie und neuen Technologien über Energie bis hin zum Schutz kritischer Infrastruktur. Nun kommt es darauf an, gemeinsame Ziele in konkrete Investitionen, Geschäftspartnerschaften und bessere Rahmenbedingungen für Unternehmen zu übersetzen.
Dr. Lars Gutheil, Hauptgeschäftsführer der AHK Polen, betonte die Bedeutung des Forums als Plattform für den Austausch zwischen beiden Ländern. „Deutschland und Polen brauchen einander, um wettbewerbsfähiger zu sein und um Europa in den Kernthemen voranzubringen“, erklärte er. Dazu zählten unter anderem der Energiemarkt, künstliche Intelligenz, die Verteidigungsindustrie und der Schutz kritischer Infrastruktur – Bereiche, in denen polnische und deutsche Partner gemeinsam einen wichtigen Beitrag leisten können.
Die AHK Polen unterstützt Unternehmen aus beiden Ländern dabei, Geschäftspartner zu finden, Kontakte zu knüpfen und neue Kooperationsmöglichkeiten zu erschließen. Das Wirtschaftsforum bietet dafür eine Plattform, auf der Wirtschaft, Politik und Institutionen gemeinsame Herausforderungen diskutieren und Potenziale für neue Projekte identifizieren können.
Das IV. Deutsch-Polnische Wirtschaftsforum wurde von der Polnischen Agentur für Investitionen und Handel (PAIH) und der Deutsch-Polnischen Industrie- und Handelskammer (AHK Polen) organisiert. Unterstützt wurde die Veranstaltung vom polnischen Ministerium für Entwicklung und Technologie, dem deutschen Bundesministerium für Wirtschaft und Energie sowie dem Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft.