Logo der Deutsch-Polnische Industrie- und Handelskammer

Sicherheit als Wachstumstreiber: Die deutsch-polnische Zusammenarbeit im Verteidigungssektor

  • News

Ein Gespräch mit Robert Czajkowski, Executive Berater des Vorstands der WB Group

Robert Czajkowski_WB Group
Robert Czajkowski

AHK Polen: Während der Konferenz „Deutsch-Polnischer Unternehmensdialog in Nordrhein-Westfalen“ wird Sicherheit und Verteidigung eines der zentralen Themen sein. Welche Rolle spielt dieser Sektor heute für die wirtschaftliche Entwicklung in Polen und in Deutschland?

 

Robert Czajkowski: In beiden Ländern ist der Sicherheits- und Verteidigungssektor ein wichtiger Wachstumstreiber, allerdings mit unterschiedlicher Gewichtung und Funktion. In Polen entwickelt er sich zunehmend zu einem zentralen Motor der industriellen Modernisierung, des Technologietransfers und des Kompetenzaufbaus. Die Verteidigungsausgaben liegen inzwischen bei rund vier bis knapp fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts, womit Polen an der Spitze der NATO steht. Das starke Wachstum der Rüstungsindustrie von bis zu 30 Prozent pro Jahr zieht ausländische Technologie- und Kapitalpartner an, stärkt Wertschöpfung, Beschäftigung und Innovation und wertet ganze industrielle Ökosysteme wie Fahrzeugbau, Elektronik, Munitionsproduktion und Logistik auf.

 

In Deutschland ist die Rolle des Sektors anders gelagert. Die Militärausgaben waren traditionell deutlich niedriger, steigen jedoch im Zuge der sogenannten „Zeitenwende“ deutlich an. Für 2026 ist ein Verteidigungsetat von rund 108 Milliarden Euro und damit ein Niveau von über zwei Prozent des BIP vorgesehen. Die direkte Rüstungsproduktion machte historisch nur etwa 0,25 Prozent des BIP aus, besitzt jedoch eine hohe technologische Bedeutung, insbesondere in den Bereichen Luft- und Raumfahrt, Sensorik und IT-Systeme. Rund 100.000 hochqualifizierte Arbeitsplätze sowie zahlreiche Stellen in den Zulieferketten unterstreichen die industrielle Relevanz. In Deutschland fungiert der Verteidigungssektor somit als hochspezialisierter, innovationsintensiver Industriebereich mit qualitativer, aber nicht dominanter makroökonomischer Bedeutung.

 

AHK Polen: Wo sehen Sie das größte Potenzial für die deutsch-polnische Zusammenarbeit im Verteidigungssektor und welche Herausforderungen sind damit verbunden?

 

RC: Das größte Potenzial liegt in vertieften industriellen Kooperationsprojekten, die europäisch eingebettet sind und gemeinsam EU- und NATO-Initiativen nutzen. Dies betrifft insbesondere Land­systeme und Unterstützungsfahrzeuge, bei denen deutsche Technologien mit Skalierung und Fertigung in Polen kombiniert werden können, zunehmend aber auch in umgekehrter Richtung. Ein weiterer zentraler Bereich ist die Luftverteidigung und Luftraumsicherung. Die Beteiligung Polens an ESSI, die Stationierung von Patriot-Systemen sowie gemeinsame Air-Policing-Ansätze eröffnen Möglichkeiten für abgestimmte Beschaffung, Systemintegration – etwa von IRIS-T und Patriot – sowie für gemeinsame Wartungs- und Ausbildungscluster.

 

Auch im Bereich militärische Mobilität und Logistik bestehen erhebliche Kooperationschancen, insbesondere im Rahmen des Militärmobilitätskorridors Niederlande–Deutschland–Polen sowie beim Ausbau von Bahn- und Pipelineinfrastruktur. Ergänzt wird dies durch Zukunftsfelder wie Drohnenabwehr, Cybersecurity und den Schutz kritischer Infrastruktur, etwa im Baltikum, wo sich gemeinsame Forschungs- und Entwicklungsprojekte sowie Industriekonsortien anbieten.

 

Demgegenüber stehen jedoch relevante Herausforderungen. Dazu zählen politische Vertrauensfragen, historische Belastungen sowie unterschiedliche strategische Kulturen, etwa der stärkere US-Fokus Polens im Vergleich zur tieferen EU-Einbettung Deutschlands. Hinzu kommt ein teilweise noch vorhandenes Silodenken in Bezug auf Wertschöpfung, Arbeitsplätze und Technologiehoheit, das ohne klare Arbeitsteilung zu Konkurrenz statt Kooperation führen kann. Komplexe Regulierungen, unterschiedliche Beschaffungsregeln, Exportkontrollen sowie mangelnde Interoperabilität und Standardisierung erschweren zudem gemeinsame Programme und verlängern deren Markteinführungszeit.

 

AHK Polen: Polen erhöht seine öffentlichen Verteidigungsausgaben, während sich der Sektor in Deutschland stärker auf privates Kapital stützt. Welche Formen der deutsch-polnischen Kooperation könnten dazu beitragen, private Investitionen in den polnischen Verteidigungssektor zu gewinnen?

 

RC: Durch Kooperationen mit deutschen Partnern kann der polnische Verteidigungssektor für private ausländische Investoren deutlich attraktiver werden. Solche Partnerschaften helfen, Investitionsrisiken zu reduzieren, den Zugang zu Technologien und Märkten zu erleichtern und Projekte auf stabile Auftragsströme sowie EU-Fördermittel zu stützen. Eine zentrale Rolle spielen dabei strategische Allianzen und Lizenzproduktionen, bei denen deutsche Unternehmen Know-how für lokale Montage und Fertigung in Polen einbringen. Für Investoren bedeutet dies risikoärmeres Wachstum, EU-Kompatibilität sowie Exportpotenzial.

 

Darüber hinaus sind gemeinsame Zulieferketten und Forschungs- und Entwicklungsprojekte von großer Bedeutung, insbesondere im Rahmen deutsch-polnischer SAFE-Projekte, die durch EU-Kredite finanziert werden. Sie senken Markteintrittsbarrieren durch gemeinsame R&D-Aktivitäten und einen hohen EU-Wertschöpfungsanteil. Ergänzt wird dies durch eine Vielzahl finanzieller und regulatorischer Anreize aus EU- und nationalen Programmen, darunter Fördermittel, zinsgünstige Kredite, polnische Matching-Funds für Direktinvestitionen sowie Exportförderplattformen, die durch deutsche Exportkreditgarantien unterstützt werden.

 

AHK Polen: Welche Erwartungen haben Sie an die diesjährigen Deutsch-Polnischen Unternehmergespräche in Nordrhein-Westfalen, insbesondere im Hinblick auf den Aufbau langfristiger Geschäftsbeziehungen zwischen Unternehmen aus beiden Ländern?

 

RC: Ergebnisse früherer Dialoge zeigen, dass durch klare Branchenfokussierung und gezieltes Networking 60–70% der Teilnehmer in der Vergangenheit konkrete Leads generierten, aus denen neue Partnerschaften, nachhaltige Lieferantenbeziehungen, Markteintrittsoptionen und Know-how Transfers entstanden. Darüber hinaus werden durch zahlreiche Angebote wie etwa rechtliche Briefings und zahlreiche Sessions für polnische Firmen landesspezifische Steuer-, Finanzierungs- und Vertragsfragen geklärt, was Vertrauen und Nachhaltigkeit fördert, und unmittelbare Mehrwerte schafft. Die bereits 4. Auflage und die zahlreichen Teilnehmer zeigen, dass das Interesse an den Angeboten und deutsch-polnischer Zusammenarbeit groß ist und sie zum Motor wirtschaftlicher Entwicklung in Europa machen kann. 

 

 

Alle, die sich für das Thema Verteidigung im Rahmen der deutsch-polnischen wirtschaftlichen Zusammenarbeit interessieren, laden wir herzlich zur Teilnahme an der Veranstaltung „Deutsch-Polnischer Unternehmensdialog in Nordrhein-Westfalen” am 19.02.2026 in Essen ein. Weitere Informationen und Anmeldung hier.

In den Kategorien:

Die neuesten Nachrichten lesen

Alle Neuigkeiten ansehen
  • Milliarden Euro für Rüstungsausgaben Polens aus dem europäischen SAFE-Programm Neuigkeiten

    Milliarden Euro für Rüstungsausgaben Polens aus dem europäischen SAFE-Programm

    Die Europäische Kommission hat am 26. Januar dieses Jahres den polnischen Plan zur Verwendung von Mitteln für Verteidigungsausgaben im Rahmen des SAFE-Programms genehmigt. Im Rahmen des polnischen Plans wurden 139 Verteidigungsprojekte mit einem Gesamtwert von 43,7 Milliarden Euro angemeldet.

Suchen Sie etwas Anderes?

In unserem Informationszentrum finden Sie aktuelle Neuigkeiten, Downloads, Videos, Podcasts...

Zum Info Hub